Chronik

140 Jahre Turnen und Sport in Pfungstadt

In diesem Jahr kann der TSV Pfungstadt auf ein 70 jähriges Bestehen zurück blicken und auf eine traditionelle Vergangenheit sehen. Als Nachfolgeverein des TV 1875 Pfungstadt kann der TSV auf 140 Jahre Turnen und Sport in Pfungstadt zurückblicken. Zum ersten Mal fanden sich Anfang der sechziger Jahre des vorletzten Jahrhunderts turnerisch gesinnte Männer in Pfungstadt zusammen, um einen Turnverein zu gründen. Aber die Turngemeinde Pfungstadt fiel nach kurzer Blüte den Kriegswirren von 1866 zum Opfer, jahrelang unterblieb nun jede turnerische Tätigkeit. Doch der einmal in Pfungstadt eingezogene Turngeist blieb unvergessen. Es fanden sich wieder Männer, die von neuem Turnvater Jahns Ideale verwirklichen wollten. Am 19. August 1875 kamen sie in einer Versammlung zusammen und gründeten den Turnverein Pfungstadt 1875.

Namen der Gründer

Die Gründungsurkunde enthält folgende Namen: Ludwig Spalt, Wilhelm Kaminsky, Peter Liebig, Georg Fey, Heinrich Seibel, Karl Heß, Christoph Gräff, Oskar Jaschek, Georg Scherer, J. Grünig, Heinrich Hoxter, Georg Pfannenschmied, Heinrich Hüttenberger, Valentin Fuchs, Peter Hofmann, Valentin Lehr, L. Hahn, Nikolaus Vetter, Georg Thon, Heinrich Darmstadt, Ludwig Christian Crößmann 6., Heinrich Wambold, Georg Höhn, Peter Seibel, Christoph Hillgärtner, Christian Crößmann, Christian Meid, Ludwig Germann, Georg Seeger, D.Meyer, Adam Preß, Johann Offenbächer, Ph. Grünig, Karl Kothauer, Peter Bergauer, Gg. Rothmann, H. Seeger, G. Kaminsky, W. Heß, Ph. Kramer, Jakob Gräff, G.Gräff, Jakob Grund, Max Katzenberg, W. Darmstadt, Jakob Berbich, Ludwig Haas, August Heß, Jakob Seidel, Heinrich Seeger, Jakob Zeh, W. Darmstädter, Jakob Kissel und Karl Delp. Aus der Wahl ging Turner Wilhelm Helene, der Herausgeber des “Pfungstädter Anzeigers“, als „erster Sprecher“ hervor.

Festzug für die Fahne

Bei ihrer Auflösung hatte die “ Turngemeinde“ beschlossen, sämtliches Eigentum einem sich später gründenden Turnverein zu übergeben. Sofort eingeleitete Verhandlungen mit dem früheren Vorstand führten dazu, dass am 2. September beim Festzug zum Sedanstag die schwarz-rot-goldene Turnerfahne bei dem Arzt Dr. Heumann, der sie in Verwahrúng hatte, abgeholt werden konnte. Geräte und Barvermögen waren nicht vorhanden.

Freunde in Darmstadt

Der neugegründete Turnverein stand, wenn er als Turnverein wirken wollte, vor der Aufgabe, eine Übungsstätte und Geräte zu beschaffen. Aber dazu reichten vorerst seine knappen Mittel nicht. Doch der Idealismus jener Männer fand einen Ausweg, indem sie der Einladung der Turngemeinde Darmstadt, an ihren Turnstunden teilzunehmen, Folge leisteten. Mit der Fahne und klingendem Spiel zogen sie geschlossen nach Darmstadt, um mit den befreundeten Turnbrüdern zu turnen und zu spielen. Sogar an Wochentagen ließen es sich die Turner nicht nehmen, nach getaner Arbeit die Turnstunden in Darmstadt zu besuchen. Fürwahr ein Idealismus sondergleichen.

Turnen mit Gesang

Manche Anregung brachten sie mit nach Hause. Die Not lehrte sie, dass man auch ohne Gerät den Körper allseitig ausbilden konnte. Sie kamen zweimal in der Woche zusammen, um Freiübungen zu turnen. Neben dieser Betätigung im Verein versäumte man es nicht, mit regem Interesse den turnerischen Begebenheiten innerhalb des Main-Rheingau-Verbandes zu folgen, an den sich der Verein angeschlossen hatte. Auch erkannte man schon damals, dass zum deutschen Turnen die Pflege des Volksliedes gehörte und gründete eine Singmannschaft unter der Leitung des Turners Eysenbach, eines Pfungstädter Lehrers. Die Singstunden fanden in dem damaligen Vereinslokal bei Gastwirt W. Arnold „Untermühle“, heute das Haus Germann, Baumgartenstr. 2, statt. Um den Mitgliedern geistige Anregung bieten zu können, schuf man ferner eine Vereinsbibliothek.

Ersten Platz gemietet

Ein Jahr lang behalf man sich ohne Gerät und Turnplatz. Mittlerweile hatten sich die Kassenverhältnisse so gestaltet, dass man daran denken konnte, Geräte anzuschaffen und einen Turnplatz zu mieten. Diese erste Turnstätte lag hinter dem Hoxterischen Anwesen, heute Eberstäter Straße 84 und reichte bis zur Mühlstraße (Kömmerling – City – Wohnanlage). In anerkennenswerter Weise stellte die Gemeinde Pfungstadt dem aufstrebenden Verein das zur Errichtung eines Klettergerüstes erforderliche Holz zur Verfügung. Reck, Barren und Pferd wurden aus eigenen Mitteln des Vereins angeschafft. Nun konnte sich das turnerische Leben viel besser entwickeln. An- und Abturnen wurden veranstaltet und der Verein beteiligte sich an den Preisturnen befreundeter Vereine.

Harte Existenzfragen

Im Jahre 1878 fand die erste größere turnerische Veranstaltung in Pfungstadt statt. Dem Verein war das Gauturnfest übertragen worden, das am 25. August abgehalten wurde. Der Festplatz lag im Wald in der Nähe des “Grünen Stegs“. Das gute Gelingen trug zum Aufblühen des turnerischen Lebens in Pfungstadt bei, aber es war nur eine Scheinblüte. Gegen Ende des Jahres 1879 wurden die Verhältnisse des Vereins so ungünstig, dass man sich Anfang 1880 in einer Hauptversammlung damit beschäftigen musste, ob man den Verein weiterhin aufrechterhalten könne. Doch ging die Gefahr der Auflösung vorüber. Aber der bisherige Turnplatz konnte nicht mehr gehalten werden.

Gemeinde half nicht

Ein Gesuch an den Gemeinderat um Überlassung des Schulhofes wurde abgelehnt. Das Angebot des Mitgliedes Peter Leißler 4., den hinter seiner Hofreite gelegenen Platz unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, half dem Verein aus der Verlegenheit. Dieser Platz ist der heutige Zimmerplatz der Firma Kaffenberger in der Rügnerstrasse. Alljährlich wurde im Frühjahr das Sommerturnen durch ein Anturnen eröffnet, im Herbst fand ein Abturnen statt. Im Winter mussten die Übungsstunden in einem Saal abgehalten werden, der jeweils von einem Mitglied des Vereins zur Verfügung gestellt wurde.

Das erste Jahrzehnt

Im Jahr 1885 wurde dem Turnverein das Gauturnfest übertragen, um das er sich beworben hatte. Es fand am 28.Juni statt. In Verbindung damit wurden das zehnjährige Bestehen und die Weihe der neu angeschafften Fahne gefeiert. Man hatte sich bisher mit der alten, von der „Turngemeinde“ ererbten beholfen.

Nochmals droht Auflösung

Gegen Ende der achtziger Jahre war es wieder einmal mit dem Bestehen des Vereins schlecht bestellt. Zum zweiten Male beschäftigte man sich mit der Frage seiner Auflösung. Aber es fanden sich Männer, die alles daransetzten, um ihren Verein wieder zur alten Blüte zu bringen. Im Jahre 1890 ging den Turnern wieder der Turnplatz in der Rügnerstrasse verloren. Der damalige Zeugwart Rath half aus der Not, indem er einen Platz hinter seinem Anwesen überließ. Dieser befand sich zwischen Eberstädter Straße und Rügnerstrasse, der Platz, auf dem heute der Bau eines Marktes steht.

Erneutes Gesuch gebilligt

Dies konnte aber nur ein vorübergehender Behelf sein. Um zu einer neuen Übungsstätte zu gelangen, wandte sich der Vorstand im Sommer 1894 mit dem Gesuch an den Gemeinderat, dem Verein einen an der heutigen Lindenstraße zwischen Seiler- und Rügnerstrasse gelegenen Platz zur Verfügung zu stellen. Die Gemeinde willigte ein und überließ den Platz „unentgeltlich und unkündbar“. Er wurde eingezäunt, eine Gerätehalle erstellt und alles zum Turnen hergerichtet.

Frauenabteilung gebildet

Im Jahre 1902 wurde eine Frauenabteilung gegründet, so dass sich der Verein jetzt auf dem Gebiet des Männerturnens, des Frauenturnens, des Spielens, damals schon Faustball beteiligte. Im Sommer 1903 trug man sich mit dem Gedanken, den von der Gemeinde leihweise überlassenen Turnplatz käuflich zu erwerben, aber man kam zu keiner Einigung, erst zwei Jahre später kam es zum Ankauf. Auch für das Winterturnen war ein Jahr vorher eine befriedigende Lösung gefunden worden. Mann hatte mit dem Inhaber des Hotels „Strauß“ einen Vertrag abgeschlossen, wonach dieser dem Verein seinen Gartensaal als Turnhalle überließ. Heute steht hier der Pfungstädter Brauereiausschank.

In Kaiserstraße Platznot

Nur wenige Jahre wurde der Platz in der Kaiserstraße als Turnstätte benutzt. Er wurde zu klein, besonders war er für die Turnspiele ungeeignet. So wurde 1910 der Platz an der Fleischmühle, 10 000 qm groß, käuflich erworben, nach dem man den alten Platz günstig verkauft hatte. Die Turner ließen es sich nicht nehmen, ihre freie Zeit in den Dienst des Vereins zu stellen, und man schuf einen Platz mit Faustball – und Fußballfeld; an der Seite konnte im Winter sogar eine Eisbahn hergerichtet werden. Es war eine Anlage geschaffen worden, die in der Umgebung ihresgleichen suchte. Heute stehen auf ihr Häuser des Büchnerweges.

Platz am Friedhof

Doch lagen auch Schulden auf der Anlage, und infolge des Krieges 1914-18 musste der Platz, da man Zinsen und Tilgung nicht aufbringen konnte, veräußert werden. Schon zwei Jahre nach Kriegsende gelang es, einen neuen Platz hinter dem Friedhof zu erwerben, der heute in das große Sportfeld des TSV einbezogen ist.

Männer der ersten Stunde

135 Jahre Sport in Pfungstadt, wovon der alte Turnverein ein gutes Stück geprägt hat, soll auch an die Männer erinnern, die als Vorsitzende den Verein geführt haben: Wilhelm Helene, Gustav Kaminsky, Franz Zachmann, Karl Grünig, Wilhelm Schömer, Dr. Kirchbaum. Ereignisse in einer Stadt, einhundertdreißig Jahre Turnen und Sport in einer kleinen Stadt – das schreibt sich so dahin – aber welche Fülle von Ideen, wieviel große und kleine Ereignisse, wieviel Sorgen und Freuden stecken dahinter.

Denn 140 Jahre Turnen und Sport, das war:

Mühe und Arbeit all der Vielen, die viele Gedanken und Ideen hatten, Mut und Zähigkeit derer, die sie durchführen halfen, vor allem aber unerschütterlicher Glaube, dass Turnen, Sport und Spiel gut sei für den Menschen, dass es sich lohnt, dafür zu werben und tätig zu sein.

Aber auch dies steht dahinter:

Sorgfalt der Planer, die viele Übungsstätten erdachten, Geschick der Maurer und Zimmerleute, die Hallen bauten, Fleiß der Vielen, die mit Schaufel und Spaten werkten, und immerwährender Einsatz der Trainer, der Übungsleiter, der Vorstandsmitglieder und ihrer Helfer. Viele Tausende Hände haben sich in diesen 140 Jahren geregt, ohne nach Lohn zu fragen, Hunderttausende von Arbeitsstunden wurden von den Bürgern einer kleinen Stadt erbracht, um immer wieder neue Turn– und Übungsplätze zu schaffen. Und diese Bürger waren Arbeiter, Handwerker und Bauern. Arbeiter, die noch keine 40 Stundenwoche kannten und keinen Urlaub, deren miserablen Arbeitsbedingungen in den Zündholzfabriken bis in den Reichstag drangen, deren Frauen bei den Zigarrenmachern und in den Nähsälen dazuverdienen mussten und am Abend den Haushalt versorgten – ohne Elektroherd und Waschmaschine, Handwerker, deren Gewerbefleiß Schritt halten musste mit der sich ausweitenden Industrie, die am Feierabend noch den Acker bestellten und den Garten hinter dem Haus, Bauern, mit meist nur wenig Hektar Land, mit unzureichendem Maschinenbesatz, mancher seit eh und je mit einem Nebenerwerb belastet. Es waren Menschen mit überlangen Arbeitstagen, die sich plagten ein Leben lang. In dieser Stadt ist niemandem etwas geschenkt worden; hier haben sich die Menschen alles mühevoll erarbeiten müssen. Respekt ihnen allen, die vor uns waren, wenn wir nun 140 Jahre Turnen und Sport in Pfungstadt begehen. So waren die Menschen, die am 19. August 1875 einen Turnverein gründeten. Sie verzeichneten bald schöne Erfolge bei Preisturnen und richteten schon 3 Jahre später ein Gauturnfest aus. Alles aus eigener Tasche, ohne Zuschüsse, ohne Sporthilfe, Totomittel und bezahlten Übungsleitern.

Wechselhaften Geschehen

Wechselhaft war das Geschick des Turnvereins; auf und ab durch gute und schlechte Zeiten ging es mit ihm und anderen Vereinen, die sich in der Modaustadt den Leibesübungen verschrieben: Da entstand nach Aufhebung der Bismarckschen Sozialistengesetze im Jahre 1900 ein Arbeiterturnverein als Organisation der sozialdemokratisch engagierten Bürger, da wurde ein Fußballclub gegründet, aus dem 1903 der FC Germania entstand, da gab es mancherlei Neugründungen mit wechselndem Erfolg und unterschiedlicher Lebensdauer. Von ihnen hielt sich der Kraftsportverein von 1914 bis heute. Der 1. Weltkrieg setzte allen Tätigkeiten ein Ende. Über 200 Turner und Sportler kamen nicht wieder zurück in ihre Heimat, ein Aderlass für die Sporttreibenden Vereine einer Stadt, die damals knapp 7.000 Einwohner zählte. Nachkriegszeit ist eine unruhige Zeit – das spiegelt sich auch im sportlichen Leben der Stadt. Von mancherlei Neugründungen sportlich interessierter Bürger verblieben bis heute der 1922 entstandene Odenwaldclub und der Reit– und Fahrverein von 1929. Im alten Turnverein aber wuchsen kräftige Abteilungen des Faustballs – der schon seit 1900 gespielt wurde – des Handballs, des Schwimmens und der Leichtathletik heran. Sie sind jung und aktiv geblieben bis auf den heutigen Tag. 1933 wurden die Sportvereine aufgelöst, die dem neuen Regime nicht genehm waren, darunter die große Freie Turngemeinde. Die verbleibenden Sporttreibenden Verbände schlossen sich am 1.7.1939 zur “Gemeinschaft für Leibesübungen“ zusammen. Der Turnverein 1875 e. V. brachte 147 Turner und 38 Turnerinnen in die neue Gemeinschaft ein. Zwei Monate später begann der II. Weltkrieg und machte wiederum alles zunichte. Bald berichteten die Sitzungsprotokolle mehr von Feldpostpäckchen, (1940 waren es 169!) und dann gab es immer wieder Gefallenenlisten, Totenehrungen. Am 29.März 1944 gibt es die letzte Eintragung. Auf dem Jahnplatz werden 18 Gärten parzelliert und 2 Behelfsheime errichtet. Auf den Trümmern des Zusammenbruchs wurde am 12. Oktober 1945 der Sportverein Pfungstadt gegründet, heute als TSV Pfungstadt ein Verein mit über 2400 Mitgliedern in 15 Abteilungen.

Frauen im sportlichen Leben Pfungstadts

Denn bereits im Jahre 1902 wurde die erste Frauenabteilung im Turnverein 1875 gegründet, als nach einem in Pfungstadt abgehaltenen Gauturnfest offenbar das Interesse geweckt worden war. Diese Zeitangabe deckt sich mit den Chroniken der Frauenturngruppen der Turnvereine in anderen Städten, sie deckt sich auch mit der allgemeinen Entwicklung der Frauenbewegung jener Tage. Im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts drang auch in die kleinen Städte der Wunsch der Frauen nach Teilnahme in den Lebensbereichen, die ihnen bisher versperrt waren. Sie wollten sich nicht länger mit den 3 K, s begnügen: mit Küche, Kindern und Kirche. So wollten sie auch den Turnvereinen angehören und teilhaben am Turnen und Spielen. Es war aber nicht üblich, in der Öffentlichkeit viel davon zu sprechen – so weit war man dennoch nicht. Daher gibt es auch wenig in den Chroniken jener Zeit davon zu lesen. So müssen wir uns von den alten Damen erzählen lassen, wie es damals war. Auch in der Freien Turngemeinde entstand 1910 eine Turnerinnenriege, die sehr eifrig und erfolgreich war. Nach dem I. Weltkrieg baute der Turner Wilhelm Preismann eine neue Frauenturnabteilung auf. Eine Riege von wenigstens 20 Turnerinnen war sehr rührig. 1922 holte sich beim großen Landesturnfest in Aschaffenburg Else Wacker einen Sieg. Die Turnerinnen fuhren in die umliegenden Gemeinden zu allerlei Turnfesten, zu Lehrgängen, bis hin nach Gießen. Sie schwammen auch eifrig und holten sich beim Stromschwimmen in Gernsheim und bei anderen Schwimmwettkämpfen Siege, voran Sophie Baldauf. Doch als die Frauen auch eine Damenhandballmannschaft gründen wollten, winkte (laut Protokoll einer Sitzung) der Vorstand ab:“ und wurde deren Gründung abgelehnt.“ Das ging zu weit! 1928 erwerben als erste Pfungstädter Frauen Henny Schömer und Sophie Baldauf das Deutsche Sportabzeichen. Beim Gauturnfest gibt es 17 Siege. Der 16-Köpfigen Gruppe steht Frauenturnwart Preissmann vor. Er tritt 1929 nach fast 10-jähriger Arbeit zurück, Heinrich Geibel wird an seiner Stelle gewählt. 1930 ist der Besuch der Übungsstunden so rege, dass der Turnwart um Verstärkung bitten muss. 4 Schülerinnengruppen wachsen heran, es taucht auch zum ersten Mal der Begriff „Gymnastikstunde“ auf. Erstmals übernimmt eine Frau, Marie Herbert, die Leitung einer Gruppe. Im Saal ihres Vaters wird geübt, daneben turnt man weiter im Hotel Strauß. Ein Klavier wird für 70,–RM gekauft. 1932 besucht Irmgard Wagenführ 79 von 80 Turnstunden im Jahr. 1932 wird Marie Heilmann Siegerin der Mädchenstufe. Nun tauchen überhaupt Namen auf von Turnerinnen, die eine Gymnastikabteilung 1960 aufs Neue gründeten. Ein Werbeturnen im Saalbau Vögler (Überschuss 4,78 RM!) und Beteiligung an vielen Schauturnen in der Umgebung beweist den hohen Leistungsstand der Turnerinnen. Im Sommer 1934 legte Heinrich Geibel sein Amt nieder, Nachfolger wird Sportfreund Tiefenthäler, mit dem 11 Turnerinnen zum Deutschen Turnfest nach Stuttgart fahren. An einer Mitgliederversammlung nehmen 50 Turner und 26 Turnerinnen teil – welch starkes Interesse der Frauen am Vereinsleben! Bei der Einweihung des Vereinshauses auf dem Jahnplatz tanzen sie bei Nacht einen Fackelreigen „in einzig schöner Ausdrucksform“. Zum ersten Mal hört man auch, dass sie Faustball spielen – jedenfalls stehen sie mit ihren Aktivitäten ganz vorn im Turngau! Auf Frauenturnwartin Marie Herbert folgte Susanne Hofmann, mit der man zum Gauturnfest nach Saarbrücken fährt und 1938 zum Deutschen Turnfest nach Breslau. 1937 – 39 wird als Führerin der Frauen und Mädchen unter Oberturnwart Wilhelm Fey Käthe Rühl genannt. Frauenturnwart ist Joh.Thomas. Der Krieg berührt auch die 37 Frauen, die in Pfungstadt turnen. Der Turnwart wird eingezogen. Gretel Crößmann und Anna Reichel übernehmen die Leitung der Übungsstunden. Anna Reichel hatte bis zur Auflösung der Freien Turngemeinde in der ebenfalls leistungsstarken Turnerinnengruppe dieses zweiten Pfungstädter Vereines geübt, und war dann in der neuen Gemeinschaft für Leibesübungen aktiv tätig geworden, die am 8.Juli 1939 aus dem Zusammenschluss mehrere Sportvereine entstand. Aus den Kriegsjahren hört man nun immer mehr von Päckchenpacken für die eingezogenen Turnbrüder – 82 Päckchen waren es am ersten Weihnachtsfest, 169 zur zweiten Kriegsweihnacht. Das war der Inhalt der Feldpostpäckchen: Briefpapier, Äpfel, ein Bleistift, ein Taschenkamm mit Etui.

Als die Bombenangriffe begannen und der Krieg immer belastender für das Leben der Bevölkerung wurde, kam auch der Turnbetrieb der Frauen gänzlich zum Erliegen. Nach dem Kriege hat es bei den Frauen sehr viel länger gedauert bis sie wieder aktiv werden konnten. Die Sorge um das tägliche Brot und die Versorgung der Familie mit den notwendigsten Bedarfsgütern kostete viel Zeit und Kraft.

TSV der Nachfolgeverein

Als der TSV am 12. Oktober im Jahre 1945, zuerst nannte er sich „Sportverein Pfungstadt“, gegründet wurde, hatten die verantwortlichen Männer die größten Schwierigkeiten zu überwinden, um den Sportbetrieb in einigermaßen geordneten Bahnen zu lenken. Die Platzverhältnisse waren verheerend, die einzige Turnhalle an der Goetheschule und das Schwimmbad waren von den Amerikanern beschlagnahmt. Geräte wie Spielkleidung waren so gut wie nicht vorhanden. So groß wie die Schwierigkeiten waren aber auch der Idealismus, für die sportfreudige Jugend eine Gemeinschaft zu schaffen, in der sich menschlich und kameradschaftlich begegnen konnten. Ein schöner Beweis für den festen Willen zur Gemeinschaft war die Überzeugung, dass man die alten Traditionen der Vereine auch in der neuen Form in Ehren halten wollte. Dies wurde damals von allen geteilt, auch von denen, die später in spalterischer Eigenbrötelei ihre eigenen Vereine wieder neu gründeten. Mit der Zeit wuchsen die sportlichen und organisatorischen Leistungen des Vereins. Der TSV zählt heute zu den bekanntesten Großvereinen, des Landessportbundes Hessen. Sein Ruf ist längst über die Grenzen der engeren Heimat hinaus gedrungen. Sportler des TSV Pfungstadt vertraten ihre Heimatstadt gegen stärkste Gegner, würdig, erfolgreich und weltweit. Seit der Gründung wurden auf Kreis-, Bezirks- und Landesebene unzählige Titel erworben, aber auch mehrfach der Titel eines Deutschen Meisters, Europameisters und Weltmeisters in die Heimatstadt gebracht. Seit 1956 steht auch ein Olympiasieger auf der Erfolgsliste des Vereins. Die Fußballer und Handballer gehören jeweils mit ihren 1.Mannschaften seit Jahren zu den stärksten ihrer Klassen. Bedeutende Leistungen erbrachten in ihren Sparten die Leichtathleten, Faustballer, Turner, Schwimmer, Judokas, Bahnengolfer, Kanuten, Skifahrer und Volleyballer. Unser Musikzug hat sich leistungsmäßig so entwickelt, dass uns sein Auftreten mit Stolz erfüllt. Auch die übrigen Abteilungen haben in den letzten Jahren eine gute Entwicklung genommen, mit der wir zufrieden sein können sein können. Dank aller hervorragenden Leistungen, wuchs die Anerkennung durch den Landessportbund, die städtischen und staatlichen Körperschaften. Mit großzügiger, finanzieller Unterstützung dieser Stellen und nach lobenswerter Eigenhilfe unserer Mitglieder wurde der Ausbau der Sportplatzanlagen ermöglicht. Der ehemalige Jahnplatz, der während des Krieges als Schrebergartengelände benutzt worden war, wurde mehrmals wieder hergerichtet, zuletzt 1995. Der Hauptsportplatz ist in seiner Geschichte, in mehreren Etappen, zu einem Stadion mit Kunststoffbahn ausgebaut worden. Der Turnplatz und Faustballplatz wurden mehrmals überholt und sind jetzt mit einem guten Rasen versehen. Selbstverständlich gehört auch eine Flutlichtanlage zu den Plätzen. 1960 wurde das TSV Sportheim fertiggestellt. 1964 bewog es den TSV Pfungstadt eine Bahnengolfanlage zu bauen.1972 wurde das jetzige „Ludwig Crößmann Jugendheim“ erbaut. Im gleichen Jahr fingen die Altherren-Handballer mit dem Bau der TSV-Blockhütte an, die sie 1973 fertig gestellt haben.

Die Nähe des Rheines veranlasste schon frühzeitig Pfungstädter Sportler den Paddelsport zu ergreifen. Im Jahr 1936 baute man eine alte Scheune aus Pfungstadt am Alt-Rhein auf einem gekauften Grundstück auf. Der 2. Weltkrieg machte vieles zunichte, aber ein starker Wille in einer expandierenden Abteilung baute die Anlage zuletzt 1970 und 1998 am Alt-Rhein wieder in ein mustergültiges Bootshaus, das von viel Grünfläche umgeben ist. Einen großen Sprung gab es in der Baugeschichte des TSV Pfungstadt unter Präsident Ludwig Ruckelshausen und Vorsitzenden Karl Frank mit der Erstellung der Großsporthalle 1984 und der Tennisanlage 1985. So hat sich der Verein ein Sportgelände geschaffen, wie es schöner und zweckentsprechender wohl kaum ein Verein unserer Größe aufzuweisen hat. Heute steht der TSV Pfungstadt als Nachfolgeverein in seiner Geschichte gefestigter denn je da, das beweist der Bestand an Mitgliedern. Nicht weniger als 2400 aller Altersstufen bekennen sich zu den Idealen des Sportvereines. Wenn auch in letzter Zeit das Potenzial des Vereines etwas verloren hat, sieht man positiv in die Zukunft, zumal einige Sportarten sich wieder sehr gut entwickelt haben.

Vorsitzende des TSV

1945 – 1948 Chr. Schulz
1949 Jul. Lautz
1950 – 1961 Chr. Meid
1962 Leo Pohl
1963 – 1968 Chr. Meid
1969 – 1972 Karl Grünig
1973 – 1974 J. Habbel
1975 – 1978 K.-H. Rohmig
1979 – 1986 K. Frank
1987 – 2005 Heinz Hohlmann
2006 – 2009 Helga Bergmann
2009 –2014

2015 – …

Mario Spengler

Salvatore Stuppia

Präsident des TSV war Ludwig Ruckelshausen von 1972 – 1986.

TSV–Jugend

Chr. Meid, ab 1950 H. Hannenwald, ab 1953 Wilhelm Büttel, ab 1958 Georg Liebig, 1960 Norbert Brommer, 1961 Walter Gehron, ab 1962 Erwin August, ab 1966 Rudie Liebig, ab 1973 Klaus Baum, ab 1977 Rudi Liebig, ab 1984 Götz Hommola, ab 2002 Andrea Laut, ab 2005 Renè Sterzik. In der Neuzeit, ab der Gründung 1945 wurde die Jugendarbeit im TSV Pfungstadt besonders gefördert. Es gab bis heute 13 Jugendleiter, die in dieser Arbeit dem Verein zur Verfügung standen. Wenn man heute in den Vereinsprotokollen blättert, kommt schon manches Interessante zum Vorschein. Seit 60 Jahren hatten die Jugendleiter im TSV der Zeit entsprechend ihre eigenen Probleme des Ansprechens, der einfache „Sportfreund“ konnte erst im Laufe der Jahre wieder aufleben. Die Neugründung war ein Meilenstein zum Wiederaufbau einer demokratischen Staatsgestaltung. Es ist in der Archivrückblende erstaunlich, welche Probleme seinerzeit vorhanden waren, und man muss nur ganz wenige Passagen ändern und sieht sich in der heutigen Zeit versetzt. Das liebe Geld war schon damals Kernpunkt der Diskussionen, ebenso die Aufteilung in den einzelnen Abteilungen, seine Sportgelände und Pflege, das Verhalten der Abteilungen zueinander. Nicht zuletzt die Organisation von Veranstaltungen, die den Gesamtverein und einzelne Abteilungen betrafen, machten Sorgen. Alles, ja fast alles – wiederholt sich heute, nur in einer anderen Relation. Jeder im Sportverein weiß, dass in unserer heutigen Zeit eine andere Gesellschaft herangewachsen ist, dass neue Gesichtspunkte anvisiert werden müssen, um das Vereinsgeschehen auch weiterhin aufrecht zu erhalten. Es bleibt vom ursprünglichen Gedanken des Turnvater Jahns doch noch wichtiges übrig: Der Spaß an der Freude und die ehrenamtliche Mitarbeit, die natürlich in jeder Abteilung wieder unterschiedlich ist.

Jugend zur heutigen Zeit

Im TSV Pfungstadt gibt es heute mit Bahnengolf, Faustball, Fußball, Handball, Judo, Laienspiel, Leichtathletik, Paddeln, Schwimmen, Ski, Tennis, Turnen und Volleyball 13 Abteilungen, die sich mit Jugendarbeit befassen. Insgesamt werden von den Abteilungen ca. 1000 Jugendliche betreut. Wobei Turnen und Schwimmen die größten – Fußball, Handball und Judo in der Mitte liegen und alles andere zu den kleinen Abteilungen zählt. Jede Abteilung hat ihre eigenen Programme zur Jugendbetreuung. Der Jugendleiter des Hauptvereines ist verantwortlich und bearbeitet alles was Abteilungsübergreifend ist. Zum Beispiel: „Tor auf“ Ferienspiele für Zuhause gebliebene Jugendliche, was von 1989 bis 1995 sieben Jahre im Angebot des TSV Pfungstadt war. Kindermaskenball in der Sport- und Kulturhalle der auch lange im Angebot war und das Antragswesen für Fahrten und Freizeiten. Im Jugendbereich gibt es auch regelmäßige Abteilungs-Jugendleiter-Sitzungen, wo aktuelle Probleme der Jugend auf der Tagesordnung stehen. Die Erstellung der eigenen Jugendsatzung wurde hier erarbeitet und in der Jahreshauptversammlung des Vereines 1995 genehmigt. Da diese Jugendsatzung zur Anerkennung beim Förderungswesen der Behörden unentbehrlich ist, kann man von einem Meilenstein in der Geschichte des TSV Pfungstadt reden. Der Deutsch Japanische Jugendaustausch gehört auch zur Initiative der Vereinsjugend. Es begann 1990 in Pfungstadt und 1991 mit Gegenbesuch in Japan. Die Vereinsjugend des TSV war als Vertreter Hessens im deutschen – japanischen Simultanaustausch vertreten. Persönliche Kontakte ergaben eine Freundschaft mit der Stadt Satte – Wechselseitige internationale Jugendbegegnungen folgten. 1992 in Pfungstadt – 1994 in Satte Japan – 1996 in Pfungstadt – 1998 in Satte Japan und es folgt 2000 ein weiterer Jugendaustausch in Pfungstadt. Im Jahre 2002 war Pfungstadts Jugend zum wiederholten Male in Japan zu Gast und im Jahre 2004 erfolgte der Besuch der japanischen Jugend aus Satte in Pfungstadt. Weitere Besuche erfolgten 2006 in Japan und 2008 wiederum in Pfungstadt.

Ein Stück Olympia 1956

Anlässlich des Wiedersehenstreffens der Medaillengewinner der Olympischen Spiele 1956 in Melbourne am 9. und 10. Dezember in Liebenwalde bei Berlin konnte ein ganz besonderes Objekt für das Museum gesichert werden: In Melbourne hatte die deutsche 4 x 100 m Sprint-Staffel in der Besetzung Lothar Knörzer, Leo Pohl (TSV Pfungstadt), Heinz Fütterer und Manfred Germar die Bronzemedaille geholt. In zahlreichen zuvor absolvierten Wettkämpfen (u.a. mit Europarekord bei einem Länderkampf gegen Schweden in Köln) entwickelte sich das dabei verwendete „Kölner Staffelholz“ zu einem Glücksbringer. Nach der Rückkehr aus Australien sägte das Quartett seinen Glücksbringer, der inzwischen mehrfach die Welt umrundet hatte, entzwei, so dass alle vier eine schöne Erinnerung mit nach Hause nehmen konnten. Die Stücke von Leo Pohl aus Pfungstadt (Mittelstück) und von Manfred Germar (Endstück) aus Köln kann das Museum nun ausstellen. Knörzers und Fütterers Stab-Anteile sind in deren Heimatmuseen ausgestellt.

Ein Zeitzeuge berichtet über die Vergangenheit!

Ja, ich war dabei, als am 12.10.1945, freitagabends, im Saale der Gaststätte Dornbach (Hufeisen) in der Eberstädter Straße – das Gebäude steht heute nicht mehr – der TSV Pfungstadt gegründet wurde. Der Verein erhielt damals den Namen SV Pfungstadt. Es war dies die erste Vereinsgründung in Pfungstadt nach dem Kriege. Ich war mit gerade 14 Jahren dabei. Wenn man von der Vereinsgründung berichten will, muss man auch über die damalige Zeit berichten, erst dann kann der Leser das Besondere des Gründungsereignisses verstehen. Noch keine 7 Monate waren seit der Besetzung Pfungstadts durch die Amerikaner vergangen und der schreckliche Krieg war gerade 5 Monate zu Ende. Not, in jeder denkbaren Art, war überall und Sorgen und Leiden in jedem Hause. Hunger herrschte, Wohnungen fehlten. Medikamente gab es nahezu nur noch in der Form der alten Hausmittel. Väter, Söhne und auch Frauen waren vermisst, Kinder von ihren Eltern getrennt. Elend herrschte, wohin man schaute. Das Schreckliche des Krieges und seinen Folgen, hatte aber auch bei vielen die Sinne stumpf werden lassen.

Vorbesprechungen

Schon im Frühjahr des ersten Nachkriegsjahres, trafen sich – noch verbotenerweise – verlässliche Freunde der alten Pfungstädter Sportbewegung, die politisch nicht belastet waren – damals besonders wichtig – um dem Sport in Pfungstadt zu einem Beginn zu verhelfen. Da mein Vater, Georg Schüßler, an diesen Vorbesprechungen teilnahm und er mit mir ausführlich darüber sprach, kenne ich die mühsame und oftmals vergebliche Arbeit in dieser Zeit. Wie sollte und konnte der gute Wille in die Tat umgesetzt werden? Eine Vereinsgründung oder Wiedergründung war durch die Weisungen der Besatzungsmacht noch nicht möglich; es mussten erst andere wichtige Dinge im Lande geregelt werden. Da endlose Verhandlungen mit der damaligen Besatzungsmacht und der sich etablierenden deutschen Behörden zu erwarten waren, bestimmte man einen Sprecher. Dieser wurde später Lizenzträger für den neuen Verein. Man einigte sich auf eine Person von Ludwig Leißler, der auf dem Rathaus arbeitete und schon frühzeitig begann, die erforderlichen Gespräche mit den Amerikanern zu führen. Ziemlich überraschend, schien jetzt plötzlich die Amerikaner einer Vereinsgründung zustimmen, unter der Voraussetzung dass für Pfungstadt ein einziger Verein gegründet wird, der allumfassend alle sportlichen und kulturellen Belange abdeckt. Ich erwähne dies, weil ich weiß, welche Probleme daraus erwuchsen.

Vereinsgründung

Der Gründungstag kam näher. Noch bestand das abendliche und nächtliche Ausgangsverbot. Das Versammlungsverbot für Gruppen über 7 Personen war noch nicht aufgehoben. So musste für die Versammlung eine Erlaubnis eingeholt werden, um nicht die Gründung und die an ihr teilnehmenden Personen zu gefährden. Es war erstaunlich, wie gut die Versammlung besucht wurde. An drei langen Tischreihen, längs des Saales, saßen wir, schmalgesichtige Menschen in alter, spärlicher Kleidung, bei ganz schlechter Saalbeleuchtung. An der westlichen Stirnseite des Saales, links, im Blickfeld der Versammelten, saß Ludwig Leißler, der die Versammlung eröffnete und die Anwesenden mit den Auflagen der Amerikaner vertraut machte und ferner die Versammlungsteilnehmer über die bis dahin geführten Besprechungen unterrichtete. Die Sprecher der Vereine aus der Zeit vor 1933 und auch die Sprecher derjenigen Vereine, die in der Nazi – Zeit „vereinigt“ wurden und auch Mitglieder der ehemaligen „Gemeinschaft für Leibeserziehung“ während des Dritten Reiches, erklärten sich mit der Gründung des allumfassenden Vereins einverstanden und erklärten weiterhin den Verzicht auf die Wiedergründung ihrer alten Vereine.

Konnte der Verein nun seine Arbeit beginnen?

Mit der Vereinsgründung und der Spartenbildung, war es nicht getan. Turnhallen, Säle oder andere Räumlichkeiten, für Sport und Kultur, standen nicht zur Verfügung. Die Turnhalle der Mädchenschule(Goetheschule) wurde bevorrechtigt von den Amerikanern genutzt. Einige Räumlichkeiten der Gastwirtschaften halfen das Raumproblem zu mildern. Auf den Sportplätzen standen bis zu diesen Tagen noch zerstörte Flak – Scheinwerfer, Horchgeräte, Generatoren u.s.w. herum. An Ausrüstung war beinahe nichts mehr vorhanden und das Sanitätshäuschen war leer und stark beschädigt. In mühsamer Selbsthilfe der Vereinsmitglieder (bei großem Hunger), wurden ohne Maschineneinsatz die Sportplätze und die Laufbahn nach und nach wieder benutzbar gemacht.

Was bietet ein Verein unserer Zeit und welchen Wert hat er für mich als Mitglied?

Unter der Voraussetzung, dass der TSV ein gesunder Verein ist, in dem den Mitgliedern durch Umsetzung zahlreicher sportlicher Ideen und Handlungsfelder in vielerlei Hinsicht geboten werden und davon gehe ich aus. An den Tatsachen, dass Zuschüsse für den Sport in den letzten Jahren stetig zurückgingen und wahrscheinlich noch weiter reduziert werden, kann leider niemand vorbei. Genauso klar ist aber, dass die Vereine durch die allgemeine Entwicklung wachsende Ausgaben haben werden. Hier entsteht eine Schere, die langfristig für Vereine verheerend sein wird. Selbst der gelenkigste Mensch hält es nicht beliebig lange im Spagat aus! Bei der – auch von der Öffentlichkeit anerkannten – Erfüllung von Sozialaufgaben eines Sportvereins muss eine weitere Kürzung von Zuwendungen aus Steuermitteln schnellstens gestoppt und in eine neue Richtung gelenkt werden. Aber auch die Mitglieder eines Vereins sollten ihrem Sport eine neue Wertschätzung geben und diese dann auch honorieren. Wir beklagen uns häufig über die Kommunen, sie seien sehr schnell bereit, Gelder für kulturelle Bereiche zur Verfügung zu stellen, für den Sport geschehe aber viel zu wenig. Gewiss, solche Stimmen haben recht, aber denken wir selbst nicht genauso? Man betrachte nur mal die Kosten, die wir z. B. für den Besuch einer Musikschule bereit sind zu bezahlen. Eine wöchentliche Unterrichtstunde (3/4 Std.) während der ferienfreien Zeit kostet nicht selten 600 Euro im Jahr. Das wird meist ohne großes Nachdenken von den Eltern akzeptiert, es ist ihnen das Wert! Über weithin akzeptierte Kosten eines kommerziellen Fitnessstudios, das längst nicht an die sozialen Aufgaben eines Vereines herankommt, will ich gar nicht erst sprechen. Aber 3 – 5 mal 1 Stunde sportliche Bewegung mit geschulter Ausbildung, auch unter dem Aspekt der Gesundheit, darf aus traditioneller Einstellung Jahreskosten von 100 Euro nicht übersteigen? Hier meine ich, ist ein dringlicher Sinneswandel erforderlich. Ich möchte nicht behaupten, dass jeder höhere Summen für den Sport aufbringen kann, als er das zurzeit tut. Hier gibt es sicherlich Möglichkeiten, flexibel auf soziale Härten zu reagieren. Ich möchte nur dafür sensibilisieren, dass der Sport, seine Vereine und seine Mitglieder sich auch selbst helfen müssen, die Kluft zwischen Kosten und Einnahmen eines Vereins auszugleichen. Da ich die Beitragsstruktur des TSV kenne darf ich ihnen diesen Aspekt der Wertschätzung eines modernen Vereins nahebringen. Dass dem TSV eine solche Wertsteigerung gelingen möge, natürlich auch durch Sponsoren, wünsche ich von Herzen. Dann ist mir auch für die Zukunft unseres Vereins nicht bange!

Der TSV ist ein wertvoller Verein – Die Mitglieder sollten das auch zeigen.

Euer Horst Laut